Völkerbund

Der Völkerbund wurde 1919 von den Siegermächten des 1. Weltkriegs gegründet. Der Völkerbundspakt war Teil des Versailler Friedensvertrags. Als Sitz der Administration und als Ort der jährlichen Vollversammlungen wurde Genf bestimmt. Anfang 1920 nahm der Völkerbund die Arbeit auf. Seine Kernaufgabe bestand in der Bewahrung des Friedens auf der Grundlage des Völkerrechts, wobei es konkret darum ging, den "Versailler Frieden" durchzusetzen und aufrecht zu erhalten.

Im Lauf der zwanziger Jahre schien der Völkerbund die Instrumente der Friedenswahrung (Konferenzen, Schiedsgerichte, Internationaler Schiedsgerichtshof in Den Haag) erfolgreich entwickeln zu können. Im Lauf der dreissiger Jahre wurde seine Tätigkeit zunehmend erschwert und schliesslich blockiert.

Begriff

Der Begriff des Völkerbunds hängt eng mit der Entwicklung des Völkerrechts seit der beginnenden Neuzeit zusammen. Der niederländische Rechtsgelehrte Hugo Grotius verwendete in seinem Buch "De iure belli ac pacis / Über das Recht des Krieges und des Friedens" (1625) den Begriff "gentium societas / Völkerbund" im Sinne einer ideellen Verbindung souveräner Staaten zum Zweck der Wahrung des Völkerrechts und der Vermeidung des Krieges. Eine ähnliche Auffassung vertrat später auch der Neuenburger Emer de Vattel, der in seiner völkerrechtlichen Abhandlung "Le droit des gens ou principes de la loi naturelle appliqués à la conduite et aux affaires des nations et des souverains" (1758) den Begriff der "Société des nations" brauchte.

Die Friedensgesellschaften des 19. Jahrhunderts sahen die wichtigsten Instrumente der Friedenswahrung einerseits in der Wahrung des Völkerrechts durch einen Völkerbund, andererseits in der Streitschlichtung durch Schiedsgerichte.

Gründung

US-Präsident Woodrow Wilson nahm die von den Friedensgesellschaften vorgebrachte Idee eines Völkerbunds auf und verkündete sie der Welt in seinen berühmten 14 Punkten am 8. Januar 1918. Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass eine derartige Institution ins Leben gerufen wurde. Der US-Senat verweigerte dann aber den Beitritt, was eine entscheidende Schwächung der neuen Friedensorganisation bedeutete.

Mitgliedstaaten

Gründungsmitglieder des Völkerbunds (franzöisch: Société des Nations; englisch: League of Nations) waren 32 Staaten, die zur Siegerkoalition gehörten, in erster Linie Frankreich, England und Italien, sodann die kleineren europäischen Staaten sowie die zum englischen Weltreich gehörenden selbstverwalteten Gebiete Indien, Kanada, Australien, Südafrika und Neuseeland, mehrere süd- und mittelamerikanische Staaten, Japan, Siam, Liberia und China. Die USA schlossen sich selbst aus.

Die Neutralen des ersten Weltkriegs wurden zum Beitritt aufgefordert. Die Schweiz trat erst bei, nachdem ihre "immerwährende" Neutralität im militärischen (nicht im politischen) Sinn abgesichert war ("differenzierte Neutralität") und die Volksabstimmung vom 16. Mai 1920 eine knappe zustimmende Mehrheit ergab.

Österreich wurde als erster Verliererstaat 1920 aufgenommen.

1923 trat mit Äthiopien der – mit Ausnahme des Gründungsmitglieds Liberia – einzige unabhängige schwarzafrikanische Staat bei.

Das Deutsche Reich als Verliererstaat blieb zunächst ausgeschlossen, wurde aber nach der Normalisierung der Beziehungen 1926 aufgenommen. Adolf Hitler, der die Versailler Friedensordnung umstürzen wollte, veranlasste schon im Jahr 1933, wenige Monate nach der Machtübernahme, den Austritt aus dem Völkerbund.
1934 wurde die Sowjetunion nach einer heftig und kontrovers geführten Diskussion in den Völkerbund aufgenommen, aber schon 1939, nach dem Angriff auf Finnland, wieder ausgeschlossen.

Problem der Kolonien

Die Tatsache, dass weite Gebiete der Welt Kolonien der europäischen Grossmächte waren, stand tendenziell im Widerspruch zu den Völkerbundstatuten. Die Gebiete im Nahen Osten, die zum Osmanischen Reich gehört hatten und vom neu gegründeten türkischen Staat abgetrennt wurden, erlangten trotzdem keine Selbständigkeit, sondern wurden als Mandatsgebiete des Völkerbunds von Frankreich und England verwaltet – mit dem Auftrag, sie in die Unabhängigkeit zu führen.

Zerfall des Völkerbunds

In den zwanziger Jahren vermochte der Völkerbund einige kleinere Konflikte erfolgreich zu lösen. Seit Anfang der dreissiger Jahre erwies er sich aber als zunehmend ohnmächtig gegenüber aggressiven Akten der späteren Achsenmächte (Japan gegen China 1931, Italien gegen Äthiopien 1935, Deutsches Reich gegen die Tschechoslowakei und Österreich 1938 und gegen Polen 1939). Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stand der Völkerbund mit seiner Friedensmission längst auf verlorenem Posten. 1946 löste er sich auf, nachdem die neue Weltorganisation der Vereinten Nationen (UNO) gegründet worden war.

 

Tobias Kaestli, Pädagogische Hochschule Zentralschweiz, Hochschule Luzern

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