IEA-Studie: nationale Ergebnisse

Wie stark ist das politische Denken, Handeln und Fühlen junger Schweizerinnen und Schweizer im internationalen Vergleich ausgebildet? Der schweizerische Teil der internationalen Bildungsstudie "Citizenship and Education in 28 Countries" (Torney-Purta 2001) bescheinigte der Schweiz in vielen Bereichen problematische Werte.

An dieser Studie (Oser/Biedermann 2003) waren gut 3'100 14- und 15-jährige Jugendliche aller Sprachregionen der Schweiz beteiligt. Inhaltliche Schwerpunkte der Untersuchung waren das politische Wissen, die politische Interpretationsfähigkeit, Vorstellungen und Konzepte des Politischen, politische Einstellungen und politisches oder politiknahes (partizipatives) Handeln der Jugendlichen.

Die Studie ergab, dass bei den befragten Jugendlichen das politische Wissen und die politische Interpretationsfähigkeit unterdurchschnittlich ausgeprägt sind, während sich ihr politisches Verstehen im unteren Mittelfeld bewegt. Auch die Bedeutung des konventionellen Staatsbürgertums und einer auf soziale staatsbürgerliche Bewegung gerichtete Beteiligung werden im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich tief eingeschätzt, ebenso die gesellschaftsbezogene und ökonomische Verantwortung der Regierung.

Demgegenüber werden staatliche Institutionen als sehr verlässlich eingestuft (dritte Stelle). Im internationalen Mittelwert liegt das Vertrauen in Zeitungen, geringer wird die Verlässlichkeit von Fernsehen und Radio eingestuft. Die Einstellung gegenüber der Nation ist zwar positiv, liegt jedoch unter dem Durchschnitt.

Nach Geschlechtern differenziert, fallen zwei Punkte besonders ins Auge: So ist bei weiblichen Jugendlichen die Bereitschaft, Frauen und Männern gleiche politische Rechte zuzubilligen sowie die Offenheit für Chancengleichheit für Immigrantinnen und Imigranten, weit stärker ausgebildet als bei männlichen Jugendlichen. Im Vergleich mit den 27 Staaten gestehen relativ viele schweizerische Jugendliche Frauen eine politische Gleichberechtigung zu (oberer Drittel). Bezüglich der Rechte der Migrierenden liegen sie aber sehr deutlich unter dem Mittelwert (zweitletzte Stelle).

Auch ein politisches Engagement für politische oder teilpolitische Organisationen sowie zukünftige Partizipationsabsichten sind nur schwach ausgeprägt. Das Politikinteresse fällt im internationalen Vergleich ebenfalls unterdurchschnittlich aus.

Bezüglich schulischer Partizipationsmöglichkeiten fällt die Schweiz ebenfalls ab (drittletzter Platz). So bestätigt lediglich knapp die Hälfte der Jugendlichen, im schulischen Rahmen diskursive Auseinandersetzungen mit effektiven Einflussmöglichkeiten zu haben.

Auch Lehrpersonen wurden befragt. Sie sehen Politische Bildung (PB) überwiegend in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern verortet, mit Bezug zum schulischen Alltag. Im Gegensatz zu anderen Staaten eignen sich schweizerische Lehrkräfte das für PB nötige Wissen in berufsbegleitender Weiterbildung an. Wer PB unterrichtet, verfügt zumeist über eine grosse Unterrichtserfahrung.

Eine Gegenüberstellung dieser Befunde erlaubt Rückschlüsse auf Zusammenhänge und Widersprüchlichkeiten im politischen Urteil Jugendlicher. Beispielsweise ist ihr Vertrauen in staatliche und politische Institutionen recht gross, währenddem ihr Interesse an Politik eher gering ausgebildet ist. Die Bereitschaft zu politischem Engagement und politischer Partizipation liegt im letzten Drittel, währenddem der Willen zu einer künftigen Teilnahme an Wahlen sehr schwach ausgebildet ist und an letzter Stelle liegt. Somit besteht einerseits ein hohes Vertrauen in staatliche Institutionen, andererseits ein geringes politisches Interesse und Engagement. Dies bedeutet, dass das als positiv wahrgenommene politische System eine Gleichgültigkeit gegenüber einer eigenen politischen Aktivierung produziert (es läuft ja alles gut, eine Einmischung ist nicht nötig). Damit scheint ein hohes Vertrauen in das gesellschaftspolitische System mit einer entsprechenden Selbstdistanz zu korrespondieren.

Bemerkenswert ist auch die Gegenüberstellung der ausgesprochen negativen Einstellungen gegenüber den Rechten von Migrantinnen und Migranten und der ebenfalls negativen Einstellung zur eigenen Nation. Die Autoren der Studie vermuten, dass dies mit einer Sicherheits-Unsicherheits-Spirale erklärbar ist (je mehr das eigene Land akzeptiert und positiv bewertet wird, desto eher wird das „Andere“ akzeptiert und umgekehrt). Eine positive nationale Identität wäre dementsprechend mit einer nationalen Offenheit für das Fremde verbunden.

Die Autoren der Studie sehen zwischen der von den 14- und 15-Jährigen bestätigten hohen Meinungsfreiheit im schulischen Rahmen und ihrer geringen Zuversicht in die Wirksamkeit schulischer Partizipation einen unauflösbaren Widerspruch. Sie argumentieren, dass freie Meinungsbildung und -äusserung eine Grundbedingung von Partizipation sind und dass daher die von den Jugendlichen geäusserte Partizipationswirksamkeit höher eingestuft sein müsste.

Die Autoren ziehen aus ihren Untersuchungen folgende Bilanz:

  • PB ist im Rahmen der Pflichtschule zu verankern.
  • Einer kognitiven Bearbeitung politischer Sachverhalte sollte vermutlich in einem ersten Schritt die Erschütterung alltäglicher Einstellungen und Haltungen vorangehen. Eine solche Verunsicherung auf emotionaler Ebene könne am ehesten politische Sensibilität erzeugen.
  • Zu PB ist ein neues Curriculum mit altersgerecht aufbereiteten Inhalten zu erstellen. Zentrale Elemente sollten sein: Realitäts- und Wissenschaftsbezug, Handlungs-, Modell-, Wert-, Simulationsorientierung (Lernsituationen wie Abstimmungen oder Lobbying, die eine Durchführung grundlegender politischer Prozesse erlauben).
  • Zur Ausarbeitung des Curriculums ist eine interdisziplinäre Expertenkommission einzusetzen.
  • Für die zu erbringenden curricularen Leistungen ist ein Leistungsmesssystem auszuarbeiten.
  • Die moralische Erziehung sowie Ethnos- und Demosorientierung sind für PB angemessen einzubeziehen.
  • Als "embryonale Demokratie" kann die Schule partizipative Formen der Mitverantwortung und -verpflichtung zum Einüben bereitstellen. Wichtige Bereiche sind Argumentieren, Urteils- und Meinungsbildung, prosoziales Verhalten, Entwicklung höherer Argumentationsformen (Kohlberg), Umgang mit Diskurs bei Streit sowie Lernen aus Entscheidungs- und Verhaltensfehlern.


Yvonne Leimgruber, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

 

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