EDC in osteuropäischen Staaten: Kroatien und Russland
Die ost- und ostmitteleuropäischen Staaten haben allesamt einen enormen Innovationswillen unter Beweis gestellt, der mit der Umbruchphase ab 1989 einsetzt. Bei allen Unterschieden lässt sich eine gemeinsame Tendenz im Bereich der Einführung des Demokratie-Lernens und der poltischen Bildung erkennen:
- Allerorts ist eine Akzeptanz des Demokratie-Lernens im schulischen und ausserschulischen Lernen vorhanden, das auch die lebenslange Dimension umfasst.
- Die Reformen haben sowohl die Curricula und Lehrbücher wie auch die eigentliche Lehrkräftequalifizierung erfasst.
- Alle ex-sowjetischen Staaten haben EDC als eine der wichtigsten Reformprioritäten gesetzt. Schliesslich geht es um die Herausforderung, eine "neue" Bürger-Identität zu schaffen. In den meisten Staaten ging die Reform mit starken nationalen Bewegungen einher; diese machen den "Transformationsprozess" besonders langwierig und schwierig.
Länderbeispiel Kroatien
Kroatiens Beispiel kann als besonders aktives Land in der Anfangsphase nach den Veränderungen nach 1990 (Jugoslawien-Kriege) gelten. Das Land startete seine Umsetzung zu Beginn der UN-Dekade für Menschenrechte (1995-2004) und nutzte dabei die Kooperationsmöglichkeiten mit der UN für eine nachhaltige Einführung der politischen Bildung:
- Die ersten Schritte bestanden darin, dass ein Spezialistenteam der Universität Zagreb verbindliche Terminologien und Definitionen erarbeitete; dies ermöglichte eine solide rechtliche Verankerung und eine kohärente Erziehungspolitik für einen "neuen" Fach-Bereich. Erst dann wurden Lehrmittel-Ressourcen zugeteilt und eine breite Lehrerausbildung gestartet.
- Die Einführung der Curricula waren vom PIRA-Methodologie-Prinzip geprägt: partizipativ, innovativ, reflexionsgestützt, antizipativ.
- Ein konstant gepflegtes Netzwerk unter Einbezug der Partner aus der Zivilgesellschaft (NGOs wie Amnesty International, Rotes Kreuz, Kulturkontakt, Forum für Freiheit der Erziehung und schliesslich auch der Medien, der Kirche etc.) stützte die Trägerschaft des Programms breit ab. All dies ermöglichte eine praxisnahe Verankerung des Faches und erhöhte gleichzeitig die Akzeptanz in der Gesamtgesellschaft.
- Nicht zuletzt die aktive Unterstützung durch die administrativen Strukturen und Schulleitungen trug zum heute solide verankerten Schulfach EDC in Kroatien massgeblich bei. Der Staat unterstützte die Weiterentwicklung von Lehrmitteln auf allen Lernstufen.
Ausgangspunkt: Politische Bildung unter Einbezug von Menschenrechtserziehung
Das Menschenrechtserziehungs-Programm Kroatiens umfasst 6 Stufen: von der Vorkindergartenstufe über alle obligatorischen Schulstufen bis zur Erwachsenenbildung. Grundidee ist ein interdisziplinärer und praxisnaher Ansatz des Menschenrechtslernens, wo formale und nicht-formale Erziehungsbereiche zusammengehen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen die demokratischen und humanitären Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft ebenso lernen wie die Fähigkeiten und Fertigkeiten für eine aktive, produktive and verantwortliche Partizipation in der Gesellschaft. Damit sind Schlüsselaspekte von EDC genauso vertreten wie Friedens-, interkulturelle und globale Erziehung.
Freiheiten in der Umsetzung
1999 wurde in Kroatien EDC und Menschenrechtserziehung in die Curricula aller obligatorischen Schulstufen integriert. EDC kann cross-curricular, als optionales Fach, als eine extra-curriculare Projekt-Aktivität oder als gesamtschulisches Prinzip umgesetzt werden. Die Ausbildungslehrgänge durch das Ministerium sind für alle oben erwähnten 6 Stufen angelaufen. Weiterbildungslehrgänge sind für bereits unterrichtenden Lehrkräfte obligatorisch. Meist sind sie dank Kooperationen mit externen Experten durchgeführt worden. Das europäische Jahr für Demokratieerziehung nützte Kroatien für eine Vielzahl von Aktivitäten (siehe unter:
http://public.mzos.hr/Default.aspx?sec=2078).
Motor für die Umsetzungen ist das staatliche Erziehungs-Ministerium auf der strategisch-operativen Ebene. Auf der inhaltlichen Ebene ist das seit 2002 bestehende Forschungs- und Bildungszentrum für Menschenrechtserziehung/EDC an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb federführend. Es hat 2005 ein HRE/EDC Universitätscurriculum eingeführt und nimmt innerhalb der Balkanstaaten zwischen Slowenien und Rumänien eine Vorreiter-Rolle bei der Entwicklung von Hochschulstandards in diesem Bereich ein. Diesen sichtbaren Anstrengungen sind - wie vielerorts – durch ungenügende finanzielle Mittel für die Umsetzung von Projekten enge Grenzen gesetzt. Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Projekt führen zu ersten Korrekturen: Die noch etwas überladenen Curricula auf Sekundarstufen-Ebene werden entschlankt, der noch stark sichtbare Mangel an EDC/Menschenrechts-Lehrkräften soll mit weiteren Aus- und Weiterbildungskursen behoben werden. Erschwerend kommt hier dazu, dass beim interdisziplinären Ansatz von EDC viele Lehrkräfte an ihre (Fach)-Grenzen kommen. Diesem Umstand wird seit 2006 mit einem Schul-Netzwerk von Regional-Lehrer-Ausbildnern in EDC Abhilfe geschafft, wobei die EDC-Experten für diese Aufgabe mit einer Stundenentlastung unterstützt werden.
Länderbeispiel Russland: Bemühungen zur Demokratieförderung auf neuen Wegen
Die europäischen EDC-Koordinatoren sind anlässlich des 9. Treffens in Moskau/Golytsino Zeugen eines Feuerwerks von Ideen, Initiativen und lang- und mittelfristigen Konzeptionen geworden. Alle regionalen Projekte und Übersichten, die gezeigt worden sind, machten deutlich, dass der Umsetzung von bottom-up Demokratie-Erziehung in Russland viel Gewicht beigemessen wird. Es war jedoch weniger klar, wie stark diese im Gegenteil "von oben", also von den Lehrerorganisationen und den Ausbildungsstätten verordnete Beispiele sind.
Das Gesamtbild der Aktivitäten
Es besteht viel guter Willen und einige Innovationen an der Basis und bei der Ausbildung. Allerdings treffen die Lehrer-Ausbildner noch auf viel verkrusteten Widerstand in den Ministerien – und teilweise bei den älteren Lehrkräften.
In Russland sollen durch die bestehenden infrastrukturellen Mittel EDC-Anstrengungen verstärkt werden. Wiederholt machten die Verantwortlichen auch deutlich, dass eine enorme Bereitschaft besteht, den Austausch mit dem Westen zu vertiefen. Allerdings wurde auch deutlich, dass gerade das Einbringen von eigenen Anstrengungen ein schwieriges Unterfangen ist, solange es an der sprachlichen Hürde scheitert (wenige russische Lehrkräfte beherrschen gutes Englisch – wenige aus dem Europarat Russisch).
Impulse des Demokratie-Erziehungs-Jahres 2005 für Russland
Laut Tatiana Bolotina, Direktorin des Zentrums für Bürgerbildung an der Akademie für Lehrerausbildung und EDC-Koordinatorin für Russland, haben die neuen Impulse des Demokratie-Erziehungs-Jahres 2005 für Russland positive Wirkung gezeigt. Bezüglich der Ausarbeitung von Lehrplänen für Schulen oder informeller Programme für lebenslanges Lernen ist Russland eines der aktivsten und innovativsten Länder im Bereich der Demokratieerziehung. Die Aufgabe besteht darin, Bürger darin zu schulen, mit der Komplexität eines Landes, das sich mit erheblichen Umbrüchen konfrontiert sieht, umgehen zu können.
Das EDC-Projekt des Europarates zur Demokratieerziehung half mit, die Demokratieerziehung als Pflichtfach in ganz Russland für Schüler zwischen 14 und 16 Jahren einzuführen. Damit sei auch ein Beitrag zu einer demokratischen Reform des Schulsystems erfolgt, das neue Massstäbe bezüglich des Unterrichtsinhaltes gesetzt hat.
In den Regionen sind bereits mehrere Vereinigungen aktiv an der Umsetzung des neuen Prinzips beteiligt. "Obshtestvoznanie", ein EDC-Zentrum für Erwachsenenbildung in Krasnoyarsk und "Open Russia" engagieren sich darüber hinaus auch in der Erwachsenenbildung, unterstützt von einigen NGOs, die den Bürgern mit Rat und Tat und einer Rechtsberatung zur Seite. Ziel ist die Hinführung zur aktiven Mitwirkung.
Als zentrales Ergebnis des "Europäischen Jahrs der Demokratieerziehung 2005" für das Bildungswesen in Russland wurde festgehalten, dass ein Entwurf eines Aktionsplans auf nationaler Ebene verabschiedet wurde sowie Synergien von Regierungsorganisationen und NGOs zustande kamen.
EDC und der "Patriotismusbegriff" in Russland
In welche Richtung die russischen Verantwortlichen das EDC-Projekt dirigieren, wird in den Worten der Koordinatoren deutlich. Die Perestroika habe den Begriff Patriotismus diskreditiert. Eine der Prioritäten des EDC-Projekts ist es deshalb, der jüngeren Generation ihr eigenes Land wieder näher zu bringen. Dabei wird viel Wert darauf gelegt, das Kritik- und Urteilsvermögen zu entwickeln. Die jungen Menschen sollen zwischen militaristischem Nationalismus und Patriotismus als Möglichkeit wählen können, stolz auf sein Land und loyal gegenüber seinem Land zu sein. Damit einher geht die Verbesserung der Perspektiven für Junge Absolventinnen und Absolventen in Russland. Es soll verhindert werden, dass diese Russland verlassen , wie dies anfangs der 1990er-Jahre der Fall war, als das Land keine Zukunftsaussichten für sie bot.
Einblick bei russischen Pionieren in der Demokratie-Erziehung in der Privatstiftung Koralovo
Ein engagierter Exponent für die russische EDC-Umsetzung ist Anatoly Ermolin, selbst staatliches Duma-Mitglied und Yukos-Projektleiter für Demokratie-Erziehungsprojekte. Ermolin ist ein Brückenbauer zwischen Europarat und Russland in diesem Bereich und sass im Europarat-Konzeptionsteam für das EDC-Programm bis 2006. Als Yukos-Projektleiter wandte er sich zunächst stark den sozialen Folgen von Terrorismus zu. Er sieht Bildung als ein effizientes Mittel im Kampf um eine neue offene Gesellschaft und konzentriert sich auf die Verbesserung mit Programmen in EDC und internationaler Kooperation. Als Mitglied des russischen Parlaments und Dozent an der Akademie für die Aus- und Fortbildung für Lehrer, hilft er dabei, neue Programme für Schulen zu entwickeln, welche ein unverkrampfteres Verhältnis zum Staat fordern.
Ermolin setzt Demokratie-Erziehung konkret in der von der Yukos-Stiftung finanzierten Privatschule in Koralovo, ca. 50 km westlich von Moskau, um. Diese beherbergt meist Waisen, Terroropfer oder Kinder aus minderbemittelten Kreisen. Die Schulleitung basiert auf einem Ansatz, der den Schülern demokratische Spielräume eröffnet, sie Ansätze von Schul-Demokratie trainieren lässt und ihnen eine Top-Ausbildung ermöglicht. Das Zentrum wird durch seine private Finanzierung durch die Yukos-Chodorkowski-Stifung den höchsten Infra-Struktur-Ansprüchen für selbständiges Lernen gerecht.
Weitere Informationen:
- http://www.coe.int/t/dg4/education/edc/Source/Pdf/
Documents/2006_5_Report9thEDC_CoordinatorsMeeting_En.PDF - Anatoly Ermolin: To break the Zombie Spell. Liberal Education against totalitarian Stereotypes. Avantitul: Moscow, 2004. 336p. ISBN 5-98224-005-2.
Russlands Bemühungen sind getragen vom Anspruch, die folgenden Bereiche stärker zusammenzuführen:
- (a) civic society involvement in the educational field,
- (b) regional partnerships though intercultural and inter-professional dialogue,
- (c) mutual references among members of the educational community on a ‘common civilisation’ based on democratic learn-ing and self-determination,
- (d) socialisation through life-long learning,
- (e) a notion of the school as an open institution based on norms of inclusion and mutual respect,
- (f) a strategy for easing the arduous social adaptation of this transitory stage for schools and educational institutions, and
- (g) forms of democratic auditing to measure the level of what has been achieved so far.
Weitere Informationen:
http://www.coe.int/t/dg4/education/edc/2_EDC_HRE_in_member_states/Country_profiles/Profile_RUSSIA_en.asp#TopOfPage
Literatur und Links zu Russland
- Regierungsprogramm "Tolerance support and extremism prevention" (2000): Unterstützung der kulturellen Werte und Toleranz in Schulen;
- Regierungsprogramm "Patriotism development" (2001): Schulen und Werterziehung Richtung Patriotismus und ziviler Gehorsam.
- EDC wird dort zwar im Toleranz-Programm erwähnt, jedoch nicht im zweiten Doku-ment. Immerhin wird in den neueren Dokumenten des Erziehungsministeriums die Empfehlungen des Europarats aufgenommen, und auch die Lernhilfen für Jugendar-bet und Gemeinschaftserziehung sowie die Grundideen für die demokratische Füh-rung von Schulen sind dabei.
- http://www.coe.int/t/dg4/education/edc/
2_EDC_HRE_in_member_states/Country_profiles/Profile_RUSSIA_en.asp#TopOfPage - http://www.coe.int/t/dg4/education/edc/
Source/Pdf/Documents/2003_28rev1_
All-EuropeanStudyEasternEuropeRegion_En.PDF
Christian Fallegger, Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Reussbühl
Medien
K.H. Dürr (2007): Demokratie-Lernen in Mittelost- und Osteuropa. In Strategien der Politischen Bildung. Hohengehren: Schneider Verlag GmbH.