10 Jahre EDC-Projekt: Rückblick, Ist-Zustand und Ausblick (1997-2007)

Vor mehr als 50 Jahren begann der Europarat seine Pionierarbeit zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten und erwarb sich damit die Rolle eines Wächters über Menschenrechte und des Schützers von Demokratie und Rechtstaatlichkeit für die Bürgerinnen und Bürger Europas.

Die erste Phase des EDC-Projektes (1997-2001)

Das Projekt "Education for Democratic Citizenship" (EDC) wurde 1997 auf dem 2. Gipfel der Staats- und Regierungschefs des Europarats ins Leben gerufen. Zahlreiche europäische Regierungen haben die Notwendigkeit einer breitangelegten Demokratie-Erziehung erkannt. Besonders nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" waren die osteuropäischen Staaten daran, EDC Priorität einzuräumen, um eine neues breites Verständnis von Bürgerschaft zu kreieren. Mit oft sehr innovativen Ansätzen ist es gelungen, in den jeweiligen Ländern das Verständnis für die Bedeutsamkeit dieses Themas zu fördern. In dieser Phase war das EDC-Projekt klar auf einen Expertenkreis beschränkt.

Die zweite Phase des EDC-Projektes (2002-2006)

In dieser Periode wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass jeder Staat in einer spezifischen Phase der Umsetzung ist. Mittels einer komparativen Studie der EDC-Politiken in den Europaratsstaaten wurde die Basis für ein konkretes Massnahmenpaket gelegt.

Das "Paket" von Umsetzungsvorschlägen für ein EDC-Lernen wurde mit je spezifischen nationalen Strategien vervollständigt. Diese hatten zum Ziel, die Curricula und EDC-Prinzipien auch bei politischen Entscheidunginstanzen bekanntzumachen, um sie dann durch diese leichter umsetzen zu können.

Die dritte Phase des EDC-Projektes (2006-2009): praxisnahe Lösungen stehen im Vordergrund

Für den nächsten Schritt des Projekts will der Europarat auf den Erfahrungen im Europäischen Jahr 2005 aufbauen. Das Projekt bezweckt in der 3. Phase, die Praxisbezüge ausbauen. Angestrebt werden primär

  • verbindlichere Gesetze und Rahmenbedingungen in den Mitgliedsstaaten (dadurch soll die Umsetzung der Ministerratsempfehlungen leichter einführbar sein);
  • eine spezifische Zusammenarbeit der internationalen Organisationen für EDC;
  • Ausbau der Ausbildungsmöglichkeiten für EDC-Lehrkräfte (zum bestehenden Grundlagen-Dokument für die Lehrer-Ausbildung wird ein komplett neues praxisnahes Umsetzungs-Instrument für Schulen erarbeitet);
  • Umsetzung von EDC in der Schule als Gemeinschaft.

Stärken und Schwächen des EDC- Projekts

Genau bei diesem vielfältigen Aufgabenbereich ist der Europarat gefragt. Sein Ziel der gegenseitigen Information und Kooperation peilt er folgendermassen an. Als eine klare Stärke bietet er eine geeignete Form des Austausches an: So werden innovative Projekte der politischen Bildung in der Schule genauso bekannt wie ausserschulische Angebote. Die dazu eingerichtete Web-Plattform erschliesst dazu konkrete sinnvolle Weiterbildungsangebote für alle Staaten.

Mangelpunkte sind bei den finanziellen Beschränkungen sichtbar, die immer wieder ein Hindernis für eine grössere Effizienz und Durchsetzbarkeit des Projekts sind. Gerade die fehlende politische Durchsetzung von Empfehlungen des Ministerkomitees, die nicht genügend verbindlich sind, sticht ins Auge.

  • Eine weitere Schlüsselfrage, die noch unbeantwortet ist: Wie stark kann ein übergeordnetes System einen Einfluss auf die nationalen Programme haben, wenn auf die spezifischen sprachlich-kulturellen Hintergründe einer Nation geachtet werden muss?
  • Wie gut sind national selbständige Initiativen und Programme, die bereits im Gange sind, durch transeuropäische Kooperation noch steuerbar?
  • Hauptpunkt der Kritik liegt jedoch vor allem in der noch immer klaffenden Lücke zwischen der Lancierung von Ideen, begleitet von hehren politischen Absichtsdeklarationen einerseits und der zu zögerlichen Umsetzung in die Praxis andererseits. Dem kann entgegengehalten werden, dass viele Mitgliedsstaa-ten in der 2. Phase des Projekts immerhin den Schritt gemacht haben, von den Textbuch-lastigen und Lehrer-zentrierten Methoden wegzukommen.
  • Entscheidend für das Gelingen des Projekts ist zweifellos die Oeffnung hin zu aktiven Lernformen, Diskussionen und Debatten und schülerzentrierten Lerneinheiten. Hier sind einerseits grosse Fortschritte sichtbar, andernorts harzt es noch. Dies stellt auch die IEA Civic Education Studie klar fest und bekräftigt: Nur mit einem systematischen, flächendeckenden Ausbildungsgang für Lehrkräfte sind Fortschritte zu erzielen.

Literatur:

  • Paneuropäische Partzipationsstudie, vgl. West-Europa, Europarat.
  • J. Torney-Purta, R. Lehmann, H. Oswald and W. Schulz (2001) Citizenship and Education in Twenty-eight Countries: Civic Knowledge and Engagement at Age Fourteen. Amsterdam: International Association for the Evaluation of Educational Achievement, 2002.

Chancen und Hindernisse für die künftige Machbarkeit des EDC-Projektes

Wie vielen Initiativen des Europarats stehen und fallen die EDC-Anstrengungen mit der zu erreichenden Breitenwirkung. Diese ist vor allem dann schwer zu erzielen, wenn die Mitgliederstaaten selbst nicht über genügend politischen Druck verfügen und nur ungenügend Mittel bereitstellen, um die Umsetzung auch Tatsache werden zu lassen. Folgende Massnahmen und Impulse gehen dazu vom Europarat aus:

  • Eine regelmässige Austausch-Börse des EDC-Projekts via nationale Koordinationsstellen.
  • Diese Koordinationsstellen sorgen für die Weiterleitung der Impulse, sei es mittels  Durchführung nationaler/regionaler Seminarien, Tagungen oder der Uebersetzung von Publikationen.
  • Herzstück der Vernetzung sind die "Koordinatoren-Meetings" aller Mitgliedsstaaten. Diese werden meist mit nationalen Tagungen verknüpft und haben so einen wichtigen Synergie- und Verbreitungs-Effekt: Einerseits werden so nationale Initiativen gesamteuropäisch bekannt, andererseits werden gesamteuropäische Akzente in den Einzelländer bekannt.

Der Europarat legt in der dritten Phase einen starken Akzent auf bereits initiierte Kooperationsformen mit anderen internationalen Organisationen. Ein fruchtbares Handlungsfeld eröffnet sich auch durch den partnerschaftlichen Einbezug der NGOs und weiteren Akteuren im Feld der Demokratieerziehung.

Deutlich wurde, dass in der nächsten Phase ein noch stärkerer Praxisbezug von EDC nötig ist: Die Schulen sollen besser eingebunden werden. Eine zentrale Rolle spielt die Intensivierung der Lehrerausbildung. Hier ist speziell die gewandelte Rolle der Lehrkräfte zu berücksichtigen.

Fortschritte durch das "Europäische Jahr der politischen Bildung 2005"

Einer der Höhepunkte des EDC-Projektes war die Ausrichtung des "Europäischen Jahrs der politischen Bildung 2005". Es weist insgesamt bedeutende Fortschritte für die Umsetzung von EDC aus. Hauptsächlicher Erfolgsfaktor ist die dezentrale Strategie der Aktivitäten je Mitgliedsland und eine effiziente Koordination durch die Europarats-Zentrale in Strassburg. Die primär quantitative Evaluationsstudie, basierend auf den Daten der einzelnen nationalen Koordinationsstellen, zeigt wichtige Fortschritte und Erfolge, macht aber auch auf einige Mängel aufmerksam:

Fortschritte und Erfolge

  • Die langfristige Konsolidierung der EDC-Netzwerke auf nationaler wie kontinentaler Ebene.
  • Sowohl das Grundkonzept als auch der fächerübergreifende und/oder der fächerspezifische Ansatz von EDC sind in den Staaten besser verbreitet. 
  • Nationale Veranstaltungstage trugen zur Bewusstseinssteigerung der politischen Verantwortlichen, Entscheidungsträger und Schulakteure bei und  lösten einen kräftigen Schub für regional-dezentralisierte Folgeaktivitäten aus.
  • Die Aufmerksamkeit für EDC ist  somit auch bei Fach-Lehrkräften und Erziehungsspezialisten geschärft.
  • Ein in vielen Mitgliedsstaaten realisierter Brückenschlag zwischen Akteuren in schulischer und ausserschulischer politischer Bildung; insbesondere ein verbesserter Einbezug der Jugend- und Schülerorganisationen.
  • Grosse Fortschritte in den Staaten, die EDC als neues Fach oder Prinzip in den Curricula eingeführt haben: in England und Irland (seit 2002), einige Ländern Osteuropas (vorab Kroatien und Polen) sowie Spanien (seit 2004). In Frankreich beispielsweise ist EDC als Kernkompetenz via Gesetz fest in den Lehrplänen verankert. 

Hindernisse und Herausforderungen

  • Das grösste Hemmnis bilden weiterhin die beschränkten Finanzen. Dies ist besonders ein grosses Handicap für die dringend notwendige Übersetzungsarbeit  der EDC-Grundlagendokumente. Die Texte sind meist nur in den offiziellen Europarats-Sprachen Französisch und Englisch zugänglich und müssen von den jeweiligen Staaten übersetzt werden!

Herausforderungen für die nächste Phase

  • Der stärkere Einbezug der nationalen Ministerien, die durch die komplexen Zuständigkeitsbereiche ihrer politischen und administrativen Netzwerke die weitere Kommunikation des Projekts erschwerten.
  • Dazu kam die unterschiedliche Bereitschaft der politischen Verantwortlichen, dem "Europäischen Jahr der politischen Bildung 2005" und EDC selbst Stellenwert einzuräumen.
  • Auch der Partizipationsgrad  bei den Zielgruppen konnte erst teilweise ausgeschöpft werden. Schwachpunkt ist dabei deutlich die noch nicht genügende Basisverankerung des Projekts. Wo hinterlässt EDC seine Spuren, gerade bei den Lernenden? Hat es deren Verhaltensweisen verändert?

Das Evaluations-Fazit des "Europäischen Jahres für Politische Bildung 2005" streicht heraus, dass Fortschritte vor allem bei denjenigen Staaten sichtbar sind, wo die Regierungen eine Bereitschaft zu Reformen und der Umsetzung von EDC zeigen. Die logische Folge des top-down-Ansatzes der Implementierung des Projekts war, dass in zentralisierten Verwaltungssystemen die Fortschritte stärker waren. Auf diesen Erkenntnissen aufbauend wird für die 3. Phase des EDC-Projekts eine Strategie zur Nachhaltigkeit und Wirksamkeit von EDC gewählt.


Christian Fallegger, Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Reussbühl

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