Die Fallanalyse

Bei der Fallanalyse wird anhand eines Einzelbeispiels das Allgemeine eines politischen oder sozialen Sachverhalts herausgearbeitet, um Konstellationen und Entwicklungen aufzuzeigen und damit das Verständnis für politische Auseinandersetzungen zu erleichtern. Wichtige Analyse-Instrumente sind hierbei die drei Dimensionen des Politischen sowie der Politikzyklus.

Ein Fall ist eine zeitlich und räumlich zumeist begrenzte Situation, in der Einzelpersonen agieren, Konflikte austragen oder Probleme zu lösen suchen. Der Fall sollte die Möglichkeit einer Inhaltsgeneralisierung erlauben, d.h. individuelle Probleme sollten sich zu einem allgemeinen sozialen oder politischen Sachverhalt verallgemeinern lassen. Auf der konkreten Lernebene werden der Fall und die Agierenden untersucht. Auf der allgemeinen Lernebene wird die im Fall gespiegelte politische Begebenheit analysiert und beurteilt, um daraus eine Entscheidungsfindung abzuleiten. Mögliche Folgen dieser Entscheidung werden dann, im Sinne einer Rekonkretisierung auf das Fallbeispiel bezogen, untersucht.

Den leichtesten Zugang zu einer Fallanalyse finden Jugendliche, wenn sie mit Fällen aus ihrer eigenen Vorstellungs- und Lebenswelt konfrontiert werden. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen können sie sich auch ohne politische Vorkenntnisse in den Fall hineindenken. Während ihrer Untersuchung lernen sie, Fragen zu Ereignissen und Lebensbedingungen der untersuchten Personen zu stellen. Der Wechsel vom konkreten Fallbeispiel zur abstrakten allgemeinen Lernebene fällt ihnen eher schwer. Zu Fällen aus der Welt der Politik haben Jugendliche üblicherweise keinen Zugang, weshalb für sie eine Annäherung an die Gedanken und Gefühle von Politikerinnen und Politikern eher schwierig ist. Demgegenüber fällt ihnen der Wechsel zur Verallgemeinerung des Politischen leichter als bei Beispielen aus ihrer eigenen Lebenswelt. Denkbar sind auch Mischformen beider Zugänge. Von der verallgemeinerten Ebene aus kann ein erneuter Bezug zum Einzelfall erfolgen, um beispielsweise Auswirkungen von politischen Entscheidungen auf konkrete Lebensbedingungen aufzuzeigen.

Beispiel: Jugendliche setzen sich mit den Lebensbedingungen erwerbsloser, alkoholabhängiger Erwachsener auseinander, die sich häufig in einer neben der Schule liegenden Parkanlage aufhalten. Über eine Innenperspektive versuchen sie, sich in die Lebenslage eines dieser Männer hinein zu versetzen. Weshalb lebt er auf der Strasse, hat keine Arbeit und ist Alkoholiker? Wie sieht er selber seine Lage, was empfindet er dabei? Was halten die Jugendlichen selber von einer solchen Lebensart? Die Jugendlichen können auch eine Aussenperspektive einnehmen und nach den äusseren Umständen fragen, die den Mann in diese Situation geführt haben (der einst erfolgreiche Unternehmer verlor sein Unternehmen, als selbstständig Erwerbender konnte er die Sozialversicherungen nur bedingt nutzen, wurde zum Alkoholiker und hat mit der Gesellschaft gebrochen). Auf einer abstrakteren Ebene setzen sich die Jugendlichen mit dem Arbeitsrecht und der Sozialgesetzgebung auseinander. Im Sinne einer Rekonkretisierung greifen sie einzelne Gesetze heraus und fragen nach ihrer Bedeutung für die Lebenswelt des im Fallbeispiel thematisierten Mannes.

Eine Verallgemeinerung ist nur dann möglich, wenn sich die Schülerinnen und Schüler bewusst sind, was ein politisches Problem ist. Hat der genannte Unternehmer seine bürgerliche Existenz aufgrund rein privater Probleme verloren, eignet sich dieser Fall nur bedingt für den Unterricht (allenfalls um die Durchlässigkeit eines Gesellschaftssystems und um die Unterschiede in der Gesetzgebung für Selbstständige und für Angestellte aufzuzeigen). Verlieren demgegenüber viele Selbstständige beispielsweise wegen einer Inflation ihre Existenzgrundlage, handelt es sich um ein Problem von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung mit politischer Tragweite.

 

Yvonne Leimgruber, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz

 

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