Der Begriff "Partizipation"

Der Partizipationsbegriff wird heute derart vielfältig und unterschiedlich verwendet, dass er grundsätzlich mehr Unklarheit denn Klarheit stiftet. Eigentlich muss Partizipation als ein Plastikwort (Pörksen, 2003) bezeichnet werden: Das Wort wird  als Zauberwort gebraucht und auf so viel Verschiedenes angewendet, dass es im Innern gleichsam leer bleibt. Kaum ein Leitbild kommt ohne das schöne Wort aus, denn praktisch an ihm ist, dass man sich auf eine Formel einigt, unter der sich alle etwas Eigenes vorstellen können und dürfen. Es erstaunt dann auch nicht, dass sich Konflikte in vielen Betrieben trotz festgeschriebener Partizipation gerade bei der Frage um die konkrete Form der Partizipation bzw. der Mitbestimmung entzünden.

Will man den Begriff konkret fassen, so muss man sich zunächst bewusst werden, dass es nicht die Partizipation gibt. Vielmehr gilt es, zwischen verschiedenen Intensitätsstufen der Partizipation zu unterscheiden. Dabei spielt die Reichweite der Verantwortung eine entscheidende Rolle.

Auch der Begriff des verantwortlichen Handelns bedarf dabei einer präzisen Definition. Heid (1997) nennt vier intrapersonale Voraussetzungen:

1. Verantwortlich ist das Handeln eines Menschen nur dann, wenn er die Zwecke seines Handelns frei bestimmen oder wenigstens beeinflussen bzw. kontrollieren kann.

2. Verantwortlich für die Folgen seines Handelns ist ein Mensch nur dann, wenn er frei über die Mittel seines Handelns selber bestimmen bzw. mitbestimmen kann.

3. Verantwortlich für sein Handeln ist nur jemand, der das volle Wissen um die Zwecke und die dafür eingesetzten Mittel seines Handelns hat.

4. Verantwortliches Handeln setzt auch eine Mitwirkung an der Bewertung der Handlungszwecke, der Handlungsmittel und der Handlungseffekte voraus.

Zu diesem Verständnis verantwortungsvollen Handelns steht die "Verantwortungsübertragung" in schroffem Gegensatz: "Die Tatsache, dass Menschen verantwortlich ‚gemacht’ werden sollen oder können, besagt [...] Folgendes: Menschen werden zu etwas zugelassen, wovon sie auch ausgeschlossen werden können. Es ist möglich, Ausgewählten Einfluss auf Entscheidungen einzuräumen, die Verantwortlichkeiten begründen und andere davon ausschliessen. Wo Verantwortung übertragen werden kann, da muss es solche geben, die Verantwortung übertragen (können), und solche, denen Verantwortung übertragen werden kann – also mindestens zwei Klassen von Menschen. [...] Die Übertragung von Verantwortung impliziert also zugleich die Verpflichtung und Einschränkung des verantwortlich Gemachten auf seine Zuständigkeit, die in einem horizontalen und vertikalen System sozialer Abhängigkeiten verortet ist." (Heid 1997, S. 83f.)

Für die Forderung nach Partizipation in der Schule hat dieses Verständnis von Verantwortung einschneidende Konsequenzen: Auf der Seite der partizipierenden Lernenden setzt dies den Willen und die Fähigkeit voraus, für die Folgen ihres Verhaltens gerade zu stehen; für Lehrende heisst dies auf der anderen Seite, dass für echte Lernendenpartizipation die vier von Heid benannten Grundvoraussetzungen gegeben sein müssen. Scheinpartizipation (z.B. "Du bist verantwortlich, dass am Schluss der Stunde die Tafel geputzt wird.") durchschauen die Schülerinnen und Schüler denn auch leicht als Pseudopartizipation.

Stufen der Partizipation

Es ist wohl unbestritten, dass in der Schule die Partizipation auch ihre Grenzen hat. Darum bedarf der Begriff einer Ausdifferenzierung, die klärt, wann welche Form der Partizipation in der Schule angesagt ist. Zu diesem Zweck haben Oser & Biedermann (2007, S. 27ff.) ein hierarchisches Modell von sieben unterschiedlich intensiven Partizipationsarten entwickelt. Es ermöglicht u.a. die Bestimmung des Ausmasses an Partizipation; und mit ihm kann auch transparent gemacht werden, welche Form von Partizipation für welche Ziele angebracht bzw. wo Partizipation unerwünscht ist.

Die Stufenfolge von Partizipation basiert auf der Bedeutung folgender sieben Kriterien:

  • Zuständigkeit: rechtlicher Zugriff auf Entscheidungen
  • Verantwortlichkeit: geteilte Risiken eines Entscheides, gemeinsame Haftung für Fehler und Misserfolg
  • Kompetenzen: Ausmass an notwendigen Handlungsvoraussetzungen und an professionellen Fähigkeiten
  • Hierarchie: Aktionsspielraum in gleichrangigem Verhältnis
  • Rollenverteilung: informelle oder formalisierte Zuweisung von Zuständigkeit
  • Informationsfluss: Zugang zu Informationen
  • Identifikation: Zugehörigkeitsgefühl
  • Legitimation: Öffentlichmachung bzw. Offizialisierung der Handlungsberechtigung
  • Initiative: Chance, vorgegebene Pfade verlassen zu können

Die nachfolgende Abbildung zeigt das Modell im Überblick:

Abbildung 2: Stufenmodell unterschiedlicher Partizipationsarten (nach Oser & Biedermann 2007, S. 34, leicht abgeändert)

1. Pseudopartizipation: Keines der Kriterien trifft zu. Die Zuständigkeitsbestimmung erfolgt rein hierarchisch, damit erfolgt keine Identifikation mit dem eigenen Handeln.

2. Indirekte Partizipation III (Zugehörigkeitspartizipation): Hier steht die Ausführung eines Befehls im Vordergrund. Der Informationsfluss beschränkt sich auf die Rückmeldung des eigenen Auftrags. Immerhin kann ein Zugehörigkeitsgefühl in Form von Kameradschaft und Solidarität vorhanden sein.

3. Indirekte Partizipation II (Freundlichkeitspartizipation): Aufträge werden zugeteilt und Informationen werden breiter gestreut, was zu einer guten Stimmung führen soll. Da die Verantwortung auf die Ausführung des Auftrags beschränkt bleibt, ist keine Eigeninitiative vorhanden.

4. Indirekte Partizipation I (Auftragspartizipation): Einer Person wird ein klar umrissener Auftrag erteilt, für den sie die Verantwortung trägt. Die Kommunikation ist auf die Rückmeldung der zuständigen Person beschränkt und die Möglichkeiten zur Eigeninitiative sind sehr gering.

5. Teilpartizipation in Handlungsinseln: In einem klar begrenzten Bereich ist eigenständiges Arbeiten möglich. Die Verantwortung ist immer noch in ein hierarchisches System eingebettet. Entscheide werden von Leitungsgremien oder einzelnen Personen getroffen. Der Informationsfluss ist hoch, und die Identifikation als Teil des Ganzen ist ausgeprägt.

6. Bereichsspezifische Partizipation: In spezifischen Teilen des Ganzen herrscht vollständige Gleichberechtigung bei der Planung und Durchführung von Aufgaben; innerhalb dieses Bereichs teilen alle die Verantwortung. Der Informationsfluss ist sehr hoch, und die Identifikation ist sehr stark.

7. Vollkommene Partizipation: Alles wird gemeinsam geplant, entschieden und durchgeführt; auch die Verantwortung wird gemeinsam getragen. Der Informationsfluss ist vollständig und völlig transparent. Es bestehen keine Hierarchien und die Identifikation mit dem ganzen System bzw. mit der ganzen Organisation ist äusserst hoch.

Streng genommen kann erst ab der Stufe 5 von Partizipation gesprochen werden, denn allen tieferen Stufen fehlen entscheidende Elemente zur Partizipation, z.B. die gemeinsame Entscheidungsfindung, die Diskursivität sowie eine gewisse Aufteilung von Machtverhältnissen. Dennoch ist das gesamte Modell sehr nützlich, erhellt es doch "ganzheitliche Strukturen in Institutionen und Organisation unter der Perspektive gemeinschaftlichen Umgangs bzw. speziell partizipativer Führungsformen." (Biedermann 2006, S. 122)

 

Claudio Caduff, Pädagogische Hochschule Zentralschweiz, Hochschule Luzern

 

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