Kontroversität

Meinungsvielfalt ist ein grundlegendes demokratisches Prinzip. Die kontroverse Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen trägt zur Klärung des eigenen Standpunktes und zur Toleranz gegenüber anderen Meinungen bei.

Kontroversität ist ein grundlegendes ethisches Prinzip einer auf Demokratie angelegten Politischen Bildung. Nicht Parteilichkeit in irgendeine Richtung, sondern die Pluralität der Meinungen soll im Zentrum stehen. So eröffnen die Lehrpersonen den Lernenden die Möglichkeit einer eigenen Meinungsbildung als Voraussetzung demokratischer Mitbestimmung. Im Vordergrund steht der als mündig erachtete Mensch, der sich im Bildungsprozess selber Bedeutungen erschliessen soll. Das Gegenteil davon wäre eine auf Loyalität ausgerichtete staatsbürgerliche Erziehung, bei der staatliche oder nationale Forderungen Vorrang haben vor individuellen Bedürfnissen. Sie würde im Extremfall unbedingte Gefolgschaft fordern und kontroverse Standpunkte sanktionieren.

Die immer umfassendere gesellschaftliche Komplexität und die damit verbundenen Probleme lassen jedoch keine solchen eindimensionalen politischen Lösungen mehr zu. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit, Konflikthaftigkeit und Unsicherheit müssen demokratische politische Kulturen kontroverse Diskurse zulassen. Für die einzelnen Personen bedeutet dies, dass sie zwar konkrete Standpunkte einnehmen können und sollen, dass diese jedoch aufgrund der Vielfalt möglicher Sichtweisen prinzipiell als fehlbar und subjektiv gelten. Um gegenüber anderen Meinungen tolerant sein zu können, muss allerdings auch der eigene Standpunkt klar sein.

Obwohl Kontroversität als didaktisches Prinzip für eine demokratisch orientierte Politische Bildung sehr bedeutsam ist, besteht die Gefahr vereinnahmender Erziehungsformen. Bezeichnenderweise ist in Deutschland 1976 in dem für die heutige Politische Bildung grundlegenden "Beutelsbacher Konsens" das Primat der Meinungspluralität festgehalten: "Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen." Allerdings bestehen in demokratischen Gesellschaften grundlegende, nicht verhandelbare Rahmenbedingungen (Menschen- und Grundrechte, Volkssouveränität, Rechtsstaatlichkeit u.a.), woraus weitere Kontroversen resultieren: Sollen sich beispielsweise links- oder rechtsextreme Gruppierungen und radikal-religiöse Kreise in Aushandlungsprozesse einbringen dürfen, auch wenn sie demokratiefeindliche Ziele verfolgen?

Hier stehen sich politische Lösungen – Nulltoleranz, Delegation an das Rechtssystem – und pädagogische Lösungen gegenüber. Letztere bauen darauf auf, dass demokratische Grundwerte nur in einem offenen Klima vermittelt werden können, ansonsten fühlen sich die Lernenden belehrt oder überredet und sind damit nicht wirklich lernfähig. Zudem gibt es Schülerinnen und Schüler, die aus Prinzip in Opposition oder auf Konfrontationskurs gehen. Praktizierte Toleranz bedeutet grundsätzlich, auch Standpunkte zuzulassen, die eigenen Sichtweisen konträr gegenüberstehen und nicht gebilligt werden können. Über die Grenzen eines solch offenen Dialogs muss die Lehrperson jedoch im konkreten Fall entscheiden.

Das didaktische Prinzip der Multiperspektivität ermöglicht die Umsetzung des Kontroversitätsprinzips in idealer Weise. Der empathische Perspektivenwechsel, bei welchem sich die Schülerinnen und Schüler in die Situation anderer einfühlen, ist jedoch innerhalb der Geschichtsdidaktik weiter ausgearbeitet als in der Politischen Bildung. Hier ist besonders die Konfliktdidaktik auf Kontroversität ausgerichtet und stellt vielfältige methodische Zugänge zur Verfügung:

  • öffentliche Gesprächsformen: Pro-Contra-Debatte, Podiumsdiskussionen, Talkshow, Tribunal u.a.
  • Provokation: konfrontierendes Lernen am inszenierten Widerstand
  • Gordon-Methode: alltägliche Konflikte werden zu Win-win-Situationen entwickelt
  • Streitschlichtung: die Lernenden erarbeiten Kompetenzen der regelgeleiteten Vermittlung und der Zivilcourage
  • Dilemma-Methode: Klärung kontroverser Werte und Wertehierarchien.

 

Lehrpersonen der Politischen Bildung sollten im Unterricht Kontroversen zulassen und sie nicht durch eine sach-systematische Gestaltung unterbinden. Je nach Lerngruppe haben sie unterschiedliche Rollen wahrzunehmen: Bei argumentationshomogenen Lerngruppen sollten sie tabuisierte Standpunkte provokativ einbringen,bei argumentationsheterogenen Klassen eine moderierende Position einnehmen. Interessenlose, indifferente Klassen sind möglicherweise mittels Provokation für kontroverse politische Diskussionen zu gewinnen. Ein anderer Zugang ist hier der Bezug auf positive gemeinsame Erfahrungen, um so den Dialog anzuregen. Grundsätzlich darf die Lehrperson Äusserungen der Lernenden nicht vorschnell unterbinden oder auf einheitliche Aussagen reduzieren. Es gilt, Kontroversen zuzulassen und zugespitzte Äusserungen nicht als Unterrichtsstörung abzutun oder zu ignorieren.

Ein wichtiger Aspekt des kontroversen Unterrichts ist die "Generationenlagerung": Während der Spätpubertät bilden sich unter den Jugendlichen aufgrund gemeinsamer Schlüsselerfahrungen Erlebnis- und Deutungsgemeinschaften. Im Unterricht treffen solch unterschiedliche Generationenlagerungen mit den jeweiligen Standpunkten und Verhalten(svarianten) aufeinander, was Kontroversität fördern oder hemmen kann.

Obwohl das Kontroversitätsprinzip unter den Lehrpersonen theoretisch auf breite Zustimmung stösst, durchbrechen sie es in der schulischen Praxis immer wieder. Appell und Heroisierung, Schwarz-Weiss-Malerei, Überhören von Einwänden, Vereinnahmung durch Verbündung, Inszenierung von Scheinkontroversen, ironisches Abwimmeln statt ernsthaftem Aushandeln oder Reduktion komplexer Konstellationen sind oft subtil ablaufende Prozesse, die wirkliche Auseinandersetzung verunmöglichen. Um dem vorzubeugen, ist bei der notwendigen didaktischen Reduktion die Zuspitzung von Ambivalenzen einzubeziehen.

Aus psychologischer Sicht muss die Lehrperson sorgfältig abwägen, wieviel Kontroversität sie den Lernenden zumuten kann. So können Unstimmigkeiten gleichermassen zu fruchtbaren Anregungen im Lernprozess führen wie zu einer Abwehrhaltung. Eine produktive Beschäftigung mit unterschiedlichen Standpunkten ist für Lernende möglich, wenn sie ihre Perspektive verändern und daraus neue Standpunkte entwickeln können.

 
Yvonne Leimgruber, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz

 

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