Exemplarisches Lernen

Das Lernen anhand ausgewählter Gegenstände von allgemeiner, existentieller Bedeutung ermöglicht grundlegende Einsichten, die auf andere Fälle übertragbar sind.

Wir befinden uns derzeit in einer so genannten Wissens- und Informationsgesellschaft. Das Angebot an Information ist enorm, die traditionellen und insbesondere die neuen Medien bieten unbegrenzte Möglichkeiten der Wissenserweiterung. In dieser Flut droht der Mensch jedoch zu ertrinken, es fehlt an Orientierung und Sinngebung. Die so entstehende Ratlosigkeit zeichnet sich auch in einem anderen Bereich ab. Die Komplexität der aktuellen Probleme nimmt laufend zu, der Zusammenhang zwischen Handeln und Wissen wird immer unbestimmter.

Demgegenüber stellt sich für die Didaktik die zentrale Aufgabe, jenes Wissen zu bestimmen, welches von allgemeiner, existentieller Bedeutung und daher lehrnotwendig ist. Das Lernen mit ausgewählten, exemplarischen Gegenständen ermöglicht sodann das Erschliessen des Allgemeinen.

Eine Didaktik der Politischen Bildung muss also die für sie als exemplarisch geltenden Gegenstände definieren. Es sind dies vorwiegend tagesaktuelle Fragen und Konflikte, die Jugendliche besonders interessieren. Die schulische Bearbeitung und Erschliessung, die bevorzugt fallanalytisch anzugehen ist, führt zu grundlegenden und transferfähigen Einsichten. Solche tiefer greifenden Einsichten ermöglichen das Wiedererkennen im neuen Fall. Das exemplarische Lernen unterscheidet sich damit grundlegend von einem Gelegenheitsunterricht, der lediglich auf der Oberfläche der zu behandelnden Gegenstände verbleibt.

Exemplarisches Lernen braucht deshalb mehr Zeit für die nachhaltig-gründliche Erarbeitung von Wissen. Das Auswählen von exemplarischen Gegenständen bedeutet nicht, durch die Reduktion von Lehrstoff Zeit zu gewinnen. Vielmehr soll es eine gründliche Bearbeitung der ausgewählten Inhalte ermöglichen. Und dazu gehört auch, sich mit dem eigenen Lernprozess auseinanderzusetzen. Exemplarisches Lernen muss immer das "Lernen des Lernens" beinhalten. Solche metakognitiven Werkzeuge dienen dazu, gesellschaftliche Konflikte zunehmend selbstständig zu analysieren. Dadurch wird ein eigenes, begründetes Urteil möglich. Dieses unterscheidet sich von der blossen Meinungsbildung und ist die Grundlage für die Handlungsorientierung.

Um politische Konflikte zunehmend selbstständiger erschliessen zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Kategorien bearbeiten. Die einzelnen Kategorien verdichten sich während des Lernprozesses zu einem Netz von Vorstellungen, so genannten key concepts. Sie bilden die Grundlage für eine eigenständige, begründete Urteilsbildung. Als zentrale politische Kategorien sind beispielsweise Konflikt, Macht, Interesse, Öffentlichkeit, Recht, Ideologie, Geschichtlichkeit oder Menschenwürde zu nennen. Daneben gibt es ökonomische Kategorien, wie Konkurrenz, Preis, Markt etc. Neben den Kategorien, welche die Lernenden einzeln erarbeiten und zu einem Ganzen zusammenfügen, gibt es Schlüsselprobleme, die für bestimmte Epochen typisch sind. Das Erkennen ihrer Strukturen ist grundlegend und gehört zum exemplarischen Unterricht.

Neben der Auswahl der Inhalte stellt sich die Frage, wie die Lehrenden dieses Wissen in einer situierten Lernumgebung präsentieren können. Die Lernumgebung soll so gewählt sein, dass die Lernenden neues Wissen aufbauen bzw. konstruieren können. Besonders geeignet dafür scheint das reformpädagogische Prinzip des genetischen Lernens. Die Theorie, die auf den deutschen Pädagogen Martin Wagenschein zurückgeht, will eine Sache nicht dozieren, sondern erfahrbar machen. Die genetische Didaktik erlaubt dem Kind, die Wissenschaft und ihre Wirkungsweise aus den eigenen Wahrnehmungen zu entdecken. So kann es das Zustandekommen eines Sachverhalts rekonstruieren. Diese Rekonstruktion macht die Sache von Grund auf einsichtig und verständlich. Die Schülerinnen und Schüler kommen so oft zu einem Aha-Erlebnis. Das genetische Lernen geht damit über das reine Präsentieren von Originalquellen hinaus, an denen die Lernenden die Entdeckung lediglich nachvollziehen können. Der direkte Kontakt mit dem Lerngegenstand ist eine Voraussetzung für das Gelingen genetischen Lernens und eröffnet Chancen auf neue, aus der Situation entstehende Fragen. Die Lehrperson begleitet den Prozess des Kindes. Hilfreich sind dabei insbesondere geschickte, den Denk- und Lernprozess strukturierende Fragen, welche die individuelle Erkenntnissuche unterstützen.

 

Corinne Wyss, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz

 

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